Bundesländergruene.at
Navigation:
am 28. März 2016

Eine gute Kuh im Stall ist des Bauern Stolz

Clemens Stammler - "viel Milch, kein Geld, was solls“

​Europa ertrinkt in der Milch. Erst Anfang März wurden die Bauernpreise abermals gesenkt, die „Gmundner Milch“ versucht so etwas wie die alte Milchquote nachzustellen, mit Bonus Malus System. Der Agrarministerrat berät in Brüssel: „Der Rat der Ratlosen“, hört man den einen oder anderen Bauern, die eine oder andere Bäuerin, murmeln, denn als Strukturwandel lässt sich die Situation nicht mehr umschreiben. Der Milchmarkt stellt in ganz Europa ein Problem dar, egal ob Eben oder Berg, 30 oder 300 Kühe je Stall.

​ Ein Freund, selbstständiger Installateur, ruft mich dieser Tage an. Er liest von den fatalen Preisen in einer Tageszeitung, fragt mich, warum die Bauern nicht längst auf der Straße sind und demonstrieren. Ja sag ich, auf der Straße sind sie wohl bald … . 

Im Ernst, in Frankreich zum Beispiel rebellieren die Bauern bereits wieder, aber in Österreich, unsere Mentalität ist anders, hier wird still gelitten! 

Der 10 Punkte Milchplan, eingebracht von der Opposition in den Nationalrat vor gut einem Jahr, wurde von der Regierung und damit auch vom Bauernbund mittlerweile zum dritten Mal vertagt. 

Die IG Milch lässt aufhorchen, „Runter von der Menge! Verzichtet auf Kraftfutter, das ihr euch ohnehin nicht mehr leisten könnt!“ 

Diese Vorschläge stoßen bei vielen Bauern auf gedanklichen Widerstand, denn sie fragen sich: 

Zuerst war das Milchgeld weg, und jetzt dürfen auch noch meine Kühe nicht gut sein? 

Verständlich, diese Skepsis der Bauern. Über Agrarpreise erhalten wir lang schon nicht mehr die Anerkennung für unsere Arbeit die wir verdienen. Wir haben uns längst eine andere Basis der Anerkennung, der Motivation, gesucht. Denn Leistung und Erfolg lässt sich nicht alleine in Geld ausdrücken, schon gar nicht in der Landwirtschaft! Die Milchleistungskontrolle und damit der jährliche Leistungsbericht ist für viele von uns einer dieser Gratmesser. Hier kommt ein ganzes Jahr Arbeit zum Ausdruck, Ernte, erwischter Schnittzeitpunkt, Tiergesundheit und unsere Konsequenz. Hier behaupte ich mich gegenüber den Nachbarn. Mal ehrlich: sowie der Kontrollassistent das Büchlein auf den Tisch legt, schauen wir zuerst bei den unliebsamen Kollegen, dann bei den Liebsamen. Den eigenen Stalldurchschnitt kennen wir ja ohnehin. Ein Bankkonto sieht man nicht! Aber hier im Jahresbericht der Leistungsprüfung steht meine Arbeit schwarz auf weiß. 

Die Milchleistungsprüfung und der Reichsnährstand! 

Wessen Idee war das eigentlich, die Bäuerinnen und Bauern gegenseitig anzustacheln, wer sagte einst was eine gute Kuh, ein guter Stall, eine gute Bäuerin und Bauer ist, und wer weniger gut? Ich hab ein wenig nachgeforscht.

Am 15. Jänner 1939, also kurz nach dem Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland wurde der dem Reichsnährstand unterstellte „Landeskontrollverband Donauland e.V.“ gegründet. Ziel war die Leistungssteigerung zur Sicherstellung der Lebensmittelversorgung im deutschen Reich. Das war verständlich zu Zeiten der Rationierung durch Lebensmittelkarten. 

Aber auch diese Maßnahme brachte nicht den gewünschten Erfolg beziehungsweise die benötigten Mengen. So führte die für Manipulations- und Propagandakunst bekannte NSDAP ab 1941 die Veröffentlichung der Stalldurchschnitte ein. Der Jahresbericht der Leistungsprüfung war geboren. Ohne Förderungen, ohne ÖPUL oder sonstige Leistungen wurde mit einfachsten Mitteln, vor allem mit billigsten Mitteln die Bäuerin (der Bauer war oftmals eingezogen) und ihren Kühen die Startnummer zum Wettbewerb umgebunden. Das „Match“ der Bauern begann. Die Psyche des Menschen ein weiteres Mal instrumentalisiert! Ab 1944 wurde die Milchleistungsprüfung bis zum Ende des Krieges wenn nötig mit Polizeigewalt durchgeführt, immerhin herrschte der Abgabezwang. Damit wurde die Milchleistung je Kuh binnen 10 Jahre um rund 20 Prozent auf 3.117 kg gesteigert (Durchschnitt 2015 lt. LFL: 7.485 kg). 

Kann die (Markt-)Politik von 1939 heute noch richtig sein? 

Die Beweggründe für die „Leistungsoptimierung“ änderten sich zwar. Aus der damaligen Bekämpfung der Unterversorgung wurde ein Rennen um die Fixkosten zu minimieren. Aber die Definition des guten Stalls, der guten Kuh blieb die gleiche. Und auch wir funktionieren noch genauso wie unsere Großmütter und -väter. Sobald man verglichen wird, will man besser sein als die Anderen. 

Es ist längst an der Zeit umzudenken. Das Quotenende, Russlandembargo, die geplatzten Exportversprechungen in Richtung Asien,… all das und nicht zuletzt auch anerkannte Wirtschaftswissenschaftler sagen uns bereits, dass die Epoche vom Wachstum sein Ende gefunden hat. Man kann auch mit Recht behaupten, wir waren zu gut, zu folgsam. 

Eine Kuhgeneration dauert in etwa so lange wie eine Regierungsperiode, die Kuh hat sich allerdings schneller entwickelt… 

Der Agrarmarkt ist deutlich komplizierter geworden, daher ist auch bei der Politik ein Strukturwandel vonnöten. Wir brauchen ein Regulativ für den Markt, sonst herrscht das Faustrecht. Ob Kraftfutterreduktion oder/und Milchliefermenge an Grünfutterfläche koppeln, Ansätze hierzu gibt es genug. Auch haben wir es mit ganz anderen „Gegnern“ wie noch 1940 zu tun. Der Gegner heißt nicht mehr „Hunger“, er heißt „Finanzmarkt“, und damit einher „Palmölplantage“. Kaum ein anderes Produkt ist lukrativer, auch deshalb, weil noch niemand die realen Kosten für die Umwelt und Gesundheitsfolgen dafür tragen muss. Solange jährlich Flächen im Ausmaß von Österreich und der Schweiz an Regenwald gerodet werden um zu Flächen für billiges Pflanzenöl zu kommen, werden wir wohl umsonst die Leistungen unserer Rinder in die Höhe treiben. Hier muss die Politik erkennen, dass, wenn man die Weltbevölkerung ernähren will, man wohl auf die 70% Erdbodenfläche des Gras- und Steppenlandes angewiesen ist und somit der Wiederkäuer nicht einfach durch Billigfett ersetzbar ist. Bessere Umweltgesetze und Einfuhrbestimmungen könnten so manches relativ einfach regeln! 

Aber auch wir Bäuerinnen und Bauern müssen umdenken und unser Schicksal nicht in jenen Händen belassen, die uns seit je her enttäuschen. 

Keine Angst, liebe Bäuerinnen und Bauern, wir werden neue Parameter finden um uns mit dem Nachbarn zu messen und uns unsere Leistung zu bestätigen. Wir müssen nicht unser Wesen ändern, nur die Spielregeln: „Wer hat die älteste Kuh im Stall“ - zum Beispiel! Der jüngst auch in Österreich tätig gewordene Lebensleistungszuchtverband „Euna“ (auf gut mühlviertlerisch: „European Association for Natural Cattle Breeding“ – siehe Infos auf: http://www.euna.info/) liefert auch schon neue Spielregeln.

Aktiv  werden.  Das  ist  Grün.  Banner  rechts.