Bundesländergruene.at
Navigation:
am 22. Juni

Eindrücke und Ausblicke der Alpentagung

Barbara Czerny - Leben und Wirtschaften im ländlichen Raum

Die Entwicklungen des ländlichen Raumes in den Alpen sind starken Veränderungen unterworfen – klimatisch, demographisch, (land)wirtschaftlich und infrastrukturell. Die Schwerpunkte der Alpentagung im Biosphärenpark Großes Walsertal in den altehrwürdigen Gemäuern der Propstei St. Gerold suchten demnach entsprechend große Felder abzudecken. Diese anspruchsvolle Aufgabe wurde von den OrganisatorInnen – Nicole Hohmann und der Grünen Bildungswerkstatt Vorarlberg – äußerst gelungen umgesetzt!

Bestandaufnahme

Eine Bestandsaufnahme der tatsächlichen Veränderungen in den Alpen zeigt einen klimatischen Wandel, der durch zunehmenden Alltags- und Freizeittransit verursacht wird. Die Herausbildung von touristischen, wirtschaftlichen Zentren entlang der Hauptverkehrsachsen führen zu einer Segmentierung der Wirtschaft, die wiederum die Unterschiede in den Regionen immer deutlicher erscheinen lässt. Die Rolle(n) und Potentiale von Frauen bergen soziale Sprengkraft und rufen nach gendergerechter Raumplanung. Das Phänomen der neuen Rechten steht mit einer Krise der Identität und der Benachteiligungen des ländlichen Raums in Verbindung. Die Bedeutung der Landwirtschaft und des traditionellen Handwerkes für eine Region samt ihrer Identität ist daher groß.

Exkursionen und Workshops

Der Samstag war ausgefüllt mit Exkursionen. Ich begleitete jene auf den Biohof von Stefan und Christiane Martin in Fontanella mit anschließendem Besuch der Stafelalp, welche in einem kleinen Skigebiet liegt. Die kleinstrukturierte Berglandwirtschaft im Großen Walsertal beeindruckt: hier muss man sich erst mal mit Maschinen – sofern überhaupt einsetzbar – fahren trauen! Die einzige ebene Fläche des besuchten Hofes stellte ein angelegter Wirtschaftsweg dar. Mit einer Größe von 27ha GL (auf dieser Fläche wirtschafteten früher 5 Bauern) hält der Betrieb 18 Milchkühe mit Nachzucht (Umstellung von Swiss Brown auf die extensiveren Original Braunvieh erfolgt derzeit), außerdem ca. 20 Ziegen, einige Schweine und Hühner. Der gesamte Viehstand wandert im Sommer mit der Familie auf die Gemeinschaftsalm, die Stafelalp. Diese wird von vier Bauern bestoßen, man bewirtschaftet die Flächen gemeinsam und erwirtschaftet in einer Sennerei vor Ort den „Walserstolz“-Alpkäs.

Im intensiv auf Austausch bedachten Workshop wurden die Potentiale der (Berg)Landwirtschaft diskutiert. Die TeilnehmerInnen hatten dabei vor allem den Produktabsatz und das Zusammenspiel Bauer/Konsument im Fokus. Einig war man sich über den Vorteil einer gemeinschaftlichen, regionalen Vermarktung, doch wie den besten Weg zum Kunden finden? Auf diese Frage wurden unterschiedliche Lösungsansätze exemplarisch angeführt: etwa das Markthallen-Modell mit eingebauter Kulinarik und geteilter Arbeitsökonomie, das Finden und Ausfüllen von Nischen wie das „Ruperti-Rind“, welches mit einer sofortigen Verarbeitung im Glas sehr erfolgreich zu sein scheint, die Erfindung einer Alpenküche nach katalanischem Vorbild. Zudem wurde die unbedingte Verantwortung des Tourismus eingefordert, die ständig bemühte Werbetrommel der Regionalität endlich auch auf den Speisekarten wirklich umzusetzen!

Europaparlamentarier Martin Häusling hob das Potential der Regionen im Hinblick auf geschützte Marken (g.g.U.) hervor. Die topographische Kleinteiligkeit der Alpen sei hierbei von Vorteil. Landwirtschaft und Handwerk vermögen die Instrumente für eine oftmals verloren gegangene Identität zu liefern! Politisch beteuert Martin Häusling die Notwendigkeit einer Geldumverteilung auf die unteren, regionalen Ebenen. Nur rund 5% der jährlichen Summe des EU-Agrartopfes von 85 Mrd. € fließen tatsächlich in den ländlichen Raum. Dies sei ein hausgemachter Fehler Brüsseler Politik. In punkto Lebensmittelkennzeichnung verweist er klar auf die finanzstarke Gegnerschaft der Lebensmittelindustrie. Jene einflussreiche Lobby verhinderte die für KonsumentInnen als leicht verständlich entworfene „Lebensmittelampel“ – hinsichtlich Lebensmittelkennzeichnung bleibt also vorerst nur der freiwillige nationale oder regionale Weg.

Initiativen

Für QuereinsteigerInnen/StädterInnen ist der Zugang zu Land eine schwierige Hürde. Durch den Geist der Eigeninitiative bringen sich aber immer mehr Menschen in der Regionalentwicklung ein, wie eine zunehmende Anzahl von Kooperationen und Vereinsgründungen zeigt.​

Ein erfolgreiches Modell, welches Landwirtschaft und Handwerk in einem partnerschaftlichen Gefüge nutzt, um ein identitätsstiftendes Netzwerk aufzubauen, das sich wirtschaftlich trägt und Arbeitsplätze schafft, ist etwa die im Raum Freiburg von Christian Hiß initiierte Regionalwert AG. Das ist eine Bürgeraktiengesellschaft, in der Menschen ihr Kapital einbringen und anderen Menschen zu Verfügung stellen, welche sich damit einen Hof kaufen/pachten können, Investitionen in ihrem Betrieb tätigen, ein Handwerk gründen, etc. Die Wirtschaftsweise ist sozio-ökonomisch und ökologisch ausgerichtet, Kapital soll zirkulieren und somit entsteht nach und nach ein partnerschaftliches Gefüge von unterschiedlichsten Produktionsstätten und Menschen, die teilnehmen und füreinander wirtschaften.

Der Erhalt unserer regionalen Strukturen darf nicht durch exportorientierte Überproduktion in der Milch- und Fleischwirtschaft auf Kosten der regionalen Strukturen im globalen Süden gehen. Wir Grüne Bäuerinnen und Bauern bekennen uns klar zu einer Landwirtschaft, die nicht auf Kraftfutterimporte aus dem Süden basiert! Es hilft nicht, wenn die Schweine oder die Kühe in Wahrheit alles BrasilianerInnen sind wie Benedikt Härlin im Film „Bauer Unser“ richtig meint.



Mach die Welt grüner - Mitglied werden